Sachverständigenbüro für Bäume -- Rudolf Wittmann

Die Bavaria-Buche

Im Süden Deutschlands, nahe der bayerischen Ortschaft Pondorf, steht eine wundervolle, majestätische Buche. Sie ist berühmt, ihr Bild schmückt viele Postkarten, Werbeplakate und Zeitschriften: die Bavaria-Buche. Sie war oft im Fernsehen zu sehen, Porträts des Baumes füllen zwei Bildbände.

Die Dimension des Baumes ist ungewöhnlich: Der riesige Kronenschirm überspannt eine Fläche von 700m² und der wulstige Stamm des Baumes hat in Brusthöhe einen Umfang von etwa 9m.

Während der Hauptwuchsphase bildet ein Baum kräftige Triebe in alle Richtungen, um möglichst viel Lichtraum zu erobern. Steht der Baum frei, so kann er, wie die Bavaria-Buche, eine weit ausladende Krone entwickeln. Das Gewicht der vielen Zweige und die Hebelwirkung der immer länger werdenden Äste führen allmählich zu statischen Problemen und später zum Zerbrechen der Krone. Um dies zu verzögern, reduziert der Baum in seiner Alterphase das Längenwachstum der Triebe. Er bildet Kurztriebe, kleinere und weniger Blätter, um möglichst lange ohne Bruch weiterzuleben. Die Krone wird lichter, schütter und leichter. Am Standort der Bavaria-Buche griff aber der Mensch ein. Die Düngung der Wiese und der umliegenden Felder mit wachstumsförderndem mineralischen Stickstoffdünger brachte den natürlichen Nährstoffkreislauf völlig durcheinander. Die greise Buche ist durch die Überdosis mineralischer Düngung jahrzehntelang viel zu stark gewachsen. In der Folge geschah, was die Buche selbst, ohne Zutun des Menschen, erfolgreich verzögert hätte: sie brach unter der Last der viel zu schweren Triebe auseinander.

Ein Jahr vor dem ersten Bruch warnte ich vor der drohenden Gefahr und empfahl den Einbau einer dynamischen Kunststoff-Seilverspannung. Auf der Grundlage umfangreicher Studien werden in der modernen Baumpflege Bäume nicht mehr mit Stahlseilen verspannt und verankert, vielmehr kommen dynamische Seilsysteme zum Einsatz, die dem Baum bei extremen Lastsituationen helfen, seine Statik zu verbessern. Die zuständigen Behörden reagierten nicht auf meinen Vorschlag. Auch nach dem ersten Bruch eines 12 m langen Stämmlings war es für den Einsatz solcher statischer Hilfen nicht zu spät. Nun lehnten aber die Behörden jede statische Hilfe entschieden ab. Exemplarisch soll der majestätische Baum das Werden und Vergehen in der Natur verdeutlichen. Empört reagierten viele Fachleute, Naturliebhaber und Baumfreunde, denn sie sind sich bewusst, dass es derartige Baum-Methusalems, zumindest in den modernen Industrieländern, nie wieder geben wird. Ihre Absicht war es, diesen einzigartigen Baum, ein beachtenswertes Wunder der Natur, zu bewahren und für die Nachwelt zu erhalten. Nur wenige Jahre später brach die Krone unter der massiven Last schweren Raureifs weiter auseinander.


Presseerklärung zum Artikel: „Bäumchen Nr. 101 leistet der Bavaria-Buche Gesellschaft“ vom 21.3.2001 im Donaukurier Ingolstadt zum Lesen [presse.pdf] oder Herunterladen [presse.zip].

Bildergalerie Bavaria-Buche